Am 13. August hat OpenAI für die ChatGPT-App auf dem Mac eine Funktion namens Computer History eingeführt. Im Europäischen Wirtschaftsraum, in Grossbritannien und in der Schweiz war sie zunächst nicht verfügbar. Seit dem 20. August ist sie es — für Geschäftskunden.
Was sie tut: Sie zeichnet auf, was Sie am Rechner tun. Klicks, Tastatureingaben, Tastenkürzel, Wechsel zwischen Programmen. Daraus entsteht eine durchsuchbare Zeitleiste, die ChatGPT befragen kann — «Woran habe ich vor der Mittagspause gearbeitet?», «Wo lag noch mal die Offerte von gestern?».
Ausdrücklich nicht erfasst werden Bildschirmfotos, Mikrofon und Systemton. Privates Surfen im Inkognito-Modus bleibt aussen vor.
Zwei Sätze aus der Dokumentation
Die interessantesten Aussagen zu dieser Funktion stammen nicht von Kritikern, sondern von OpenAI selbst. Sie stehen in der offiziellen Dokumentation, und sie sind deutlicher, als man es von einer Herstellerseite erwartet.
Der erste betrifft die Dateien. Die erzeugten Verlaufsdaten liegen als gewöhnliche Textdateien in Ihrem Benutzerverzeichnis. Dazu schreibt OpenAI sinngemäss: Diese Dateien können sensible Informationen enthalten. Sie werden nicht verschlüsselt, und andere Programme, die unter demselben Benutzerkonto laufen, können möglicherweise darauf zugreifen.
Mehrere Fachmedien haben das als Sicherheitslücke gemeldet. Das ist es nicht — und der Unterschied ist wichtig. Eine Lücke wird geschlossen. Hier handelt es sich um eine Bauentscheidung, die so bleiben wird. Wer darauf wartet, dass ein Update das Problem behebt, wartet vergeblich.
Praktisch bedeutet es: Schadsoftware, die es auf einen Mac geschafft hat, muss keine Rechte ausweiten und keine Verschlüsselung brechen. Sie liest eine Textdatei, in der steht, was in den vergangenen Tagen getippt und geöffnet wurde.
Der zweite Satz ist der, der über den Einsatz im Betrieb entscheidet. OpenAI empfiehlt, die Funktion während der Kommunikation mit anderen Personen auszuschalten — es sei denn, man habe deren vorherige ausdrückliche Zustimmung.
Lesen Sie das noch einmal und übertragen Sie es auf einen normalen Arbeitstag. Teams-Nachrichten an Kolleginnen. E-Mails an Kunden. Ein Chat mit dem Lieferanten. In jedem dieser Fälle müssten Sie vorher gefragt haben.
Das ist im Geschäftsalltag nicht einzuhalten. Nicht, weil es schwierig wäre — sondern weil es bedeuten würde, jedes Gegenüber vorab um Erlaubnis zu bitten, seine Nachricht an Sie mitprotokollieren zu dürfen.
Wer die Entscheidung trifft
Bei Geschäftskonten ist die Funktion zweistufig gesperrt, und das ist gut so.
Zuerst muss ein Administrator sie im Arbeitsbereich überhaupt freigeben. Erst danach kann jedes Mitglied für sich entscheiden, ob es sie einschaltet — die Freigabe allein aktiviert nichts. Zusätzlich verlangt die Funktion, dass die Erinnerungsfunktion von ChatGPT aktiv ist.
Das heisst: Es gibt in Ihrem Betrieb eine benennbare Person, die diese Entscheidung trifft. Wenn Sie ein Geschäftskonto bei ChatGPT haben, ist die Frage nicht, ob jemand die Funktion nutzt — sondern ob jemand sie freigegeben hat, und auf welcher Grundlage.
Der Punkt, den OpenAI nur nebenbei erwähnt
In der Dokumentation steht ein Abschnitt zum Risiko von Prompt Injection. Er ist kurz und leicht zu übersehen, aber er beschreibt etwas Grundsätzliches.
Wenn ChatGPT mitliest, was auf Ihrem Bildschirm passiert, liest es auch Inhalte, die andere dort platziert haben. Eine Website mit versteckten Anweisungen im Text kann versuchen, das Modell zu Handlungen zu bewegen, die Sie nicht wollten. Das ist keine theoretische Sorge: Es ist die Kehrseite davon, einem Assistenten Zugriff auf alles zu geben, was vorbeikommt.
Was wir empfehlen
Prüfen Sie, ob Sie ein Geschäftskonto bei ChatGPT haben — und wer darin Administrator ist. Diese Person kann die Funktion freigeben, und sie sollte wissen, was damit verbunden ist.
Wenn Sie sie freigeben wollen, klären Sie vorher drei Fragen. Wer im Betrieb würde sie nutzen? Welche Programme laufen auf diesen Geräten sonst noch? Und wie halten Sie es mit der Zustimmung der Menschen, mit denen kommuniziert wird?
Falls Sie sie einsetzen: Schliessen Sie Programme mit Personendaten, Gesundheits- oder Finanzinformationen ausdrücklich aus. Die Funktion erlaubt das je Programm und je Website. Und halten Sie sie an, bevor Sie mit jemandem kommunizieren, der nicht zugestimmt hat.
Und die einfachste Variante bleibt: nicht einschalten. Der Nutzen — ChatGPT weiss, woran Sie gearbeitet haben — steht in keinem Verhältnis zu dem, was dafür dauerhaft mitgeschrieben wird.
Wo die Grenze zwischen brauchbarem und heiklem KI-Einsatz im Betrieb verläuft, haben wir im Wissensteil ausführlicher aufgeschrieben. Und warum die Kennzeichnungsfrage davon unberührt bleibt, steht in unserem Beitrag vom August.