Eine Nachricht auf LinkedIn. Ein KI-Unternehmen, von dem man schon gehört hat, sucht jemanden mit genau Ihrem Profil. Freundlicher Ton, plausible Stelle, ordentliches Gehalt.
Nach ein, zwei Nachrichten kommt die technische Aufgabe. Ein kleines Projekt, nichts Aufwendiges: Klonen Sie bitte dieses Repository und lassen Sie es laufen.
Das ist der Angriff. Mehr passiert nicht.
Was die Behörden melden
Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz und der Bundesnachrichtendienst haben vergangene Woche zusammen mit der japanischen Polizeibehörde, dem FBI und der australischen ASD eine gemeinsame Warnung herausgegeben. Die Kampagne heisst in der Fachwelt «Contagious Interview» und läuft seit 2023.
Der Ablauf ist überall gleich. Erstkontakt über soziale Netzwerke, Jobportale oder Freelancer-Marktplätze. Die Täter geben sich als Vertreter von KI-Unternehmen oder Firmen aus dem Kryptobereich aus. Im angeblichen Bewerbungsverfahren soll der Bewerber eine Aufgabe lösen, für die er eine Datei herunterladen muss — und in der steckt die Schadsoftware.
Die Zahlen aus der gemeinsamen Meldung: über 30 000 infizierte Geräte in mehr als 100 Ländern und Regionen, Daten aus über 7000 Wallets entwendet. Das Geld dient nach Einschätzung der Dienste der Umgehung von Sanktionen.
Warum es ausgerechnet Entwickler trifft
Hier liegt das Unangenehme an dieser Masche, und es ist der Grund, warum sie so gut funktioniert.
Bei den Angriffen, über die wir sonst schreiben, muss jemand etwas tun, das er eigentlich nicht tun sollte: ein Makro aktivieren, eine Warnung wegklicken, ein Passwort auf einer fremden Seite eingeben. Man kann Leute darauf schulen.
Hier nicht. Code aus einem fremden Repository zu klonen und auszuführen ist der normalste Vorgang im Beruf eines Entwicklers. In einem technischen Bewerbungsgespräch ist es sogar die Aufgabe. Wer misstrauisch wird, wirkt schwierig.
Microsoft hat die technische Seite im März beschrieben: Die Opfer werden angewiesen, ein Paket von GitHub, GitLab oder Bitbucket zu holen und auszuführen — teils auch über Aufgaben-Konfigurationen des Editors Visual Studio Code, die beim Öffnen des Projekts von selbst starten. Es funktioniert unter Windows, macOS und Linux gleichermassen, und es braucht weder Makro noch ausführbare Datei. Nur eine Laufzeitumgebung, die ohnehin installiert ist.
Danach sucht die Schadsoftware nach Anmeldedaten, Schlüsseln und Wallet-Dateien, liest die Zwischenablage mit und macht Bildschirmfotos.
Dieselbe Falle, andersherum
Vor vier Tagen haben wir über gefälschte Bewerbungen geschrieben — Angriffe auf Betriebe über den Lebenslauf, weil eine Bewerbung die einzige Datei ist, die man von einem völlig Fremden öffnen muss.
Das hier ist dieselbe Einsicht, nur seitenverkehrt. Diesmal ist nicht der Bewerber gefälscht, sondern der Arbeitgeber. Und wieder ist es die berufliche Situation selbst, die das Opfer zwingt, etwas von einem Unbekannten zu öffnen.
Wer diese Symmetrie einmal gesehen hat, erkennt das Muster auch in der nächsten Variante: Angegriffen wird dort, wo Misstrauen beruflich unangebracht wirkt.
Warum das Ihr Problem ist, auch ohne offene Stelle
Man liest so eine Meldung und denkt an Arbeitssuchende. Das ist der Fehler.
Die Täter sprechen Leute auf LinkedIn an, und die allermeisten davon haben eine Stelle. Ein Entwickler, ein Systembetreuer, jemand aus Ihrer IT bekommt eine interessante Anfrage, schaut sich das Projekt am Mittag kurz an — auf dem Arbeitsgerät, weil es gerade offen ist.
Damit sitzt die Schadsoftware nicht auf einem Privatrechner, sondern in Ihrem Netz, auf einem Gerät mit erhöhten Rechten und gespeicherten Zugängen. Genau da, wo sie am meisten findet.
Und das Opfer wird Ihnen davon nichts erzählen, weil ein Bewerbungsgespräch bei der Konkurrenz nichts ist, was man dem eigenen Chef meldet. Das ist die eigentliche Schwierigkeit an diesem Angriff: Er nutzt eine Situation aus, über die im Betrieb ohnehin nicht gesprochen wird.
Die Regel, die trägt
Schulungen helfen hier wenig, weil nichts an dem Vorgang falsch aussieht. Was trägt, ist eine Trennung.
Code aus einem Bewerbungsverfahren läuft nie auf dem Arbeitsgerät. Wer eine solche Aufgabe lösen will, macht das in einer eigenen virtuellen Maschine, die er danach wegwirft. Das ist keine Zumutung, sondern bei Entwicklern ohnehin vorhandenes Werkzeug.
Vor dem Ausführen ins Repository sehen. Ein echtes Bewerbungsprojekt verträgt eine Minute Lesen. Auffällig ist alles, was beim blossen Öffnen oder Installieren schon etwas tut.
«Kopieren Sie diesen Befehl und führen Sie ihn aus» ist immer ein Nein. Auch wenn es von einem seriös wirkenden Unternehmen kommt.
Und für den Betrieb: Es lohnt sich, das einmal anzusprechen — nicht als Verbot, sondern als Hinweis. Wer weiss, dass seine Firma diese Masche kennt, meldet den seltsamen Fall eher, statt ihn für sich zu behalten.
Wenn bei Ihnen jemand eine solche Aufgabe auf einem Firmengerät ausgeführt hat und Sie nicht sicher sind, was seither passiert ist: Das lässt sich feststellen, und zwar umso besser, je früher man nachsieht.